digital diary by Susanne Busshart
Aktuelles, Arbeitsplatz der Zukunft, NewWork

Der Kicker ist weg – und vielleicht ist das gut so

Was ein ausrangierter Kickertisch über New Work, Statussymbole und moderne Arbeitswelten verrät

Vor einigen Tagen entdeckte ich am Wegesrand einen alten Kickertisch. Etwas in die Jahre gekommen, vergilbte Kunststoffteile, erste Rostspuren an den Stangen, hier und da deutliche Gebrauchsspuren. Offensichtlich hatte jemand entschieden, dass seine Zeit vorbei ist.

Während viele Menschen vermutlich einfach weitergegangen wären, blieb ich stehen.

Denn dieser Kickertisch erinnerte mich sofort an die Entwicklung von New Work.

 

Von alten zu neuen Statussymbolen

Es gab eine Zeit, in der bestimmte Merkmale den Status in Unternehmen sichtbar machten. Eckbüros, große Schreibtische, schwere Ledersessel, hochwertige Teppiche, Fensterfronten mit Aussicht oder der reservierte Parkplatz direkt vor dem Gebäude.

Die Botschaft war eindeutig: Wer wichtig war, bekam mehr Raum, mehr Komfort und mehr Sichtbarkeit.

Dann kam New Work.

Plötzlich verschwanden viele dieser klassischen Symbole und wurden durch neue ersetzt. Kickertische, Sitzsäcke, Lounge-Möbel, Hängesessel, Obstkörbe und kreative Begegnungsflächen hielten Einzug in die Büros. Modernität zeigte sich nicht mehr durch Mahagoni-Schreibtische, sondern durch Freizeit- und Wohlfühlangebote.

Heute frage ich mich manchmal, ob wir damals nicht einfach die Statussymbole ausgetauscht haben.

Denn ein Kickertisch verändert genauso wenig eine Unternehmenskultur wie ein Eckbüro.

Die eigentliche Herausforderung blieb dieselbe: Wie schaffen wir eine Arbeitswelt, in der Menschen gerne arbeiten, sich entwickeln können und ihr Potenzial entfalten?

 

Der Kickertisch war nie die Lösung

Um ehrlich zu sein: Ich war nie ein besonderer Fan von Kickertischen.

Nicht weil ich etwas gegen gemeinsame Aktivitäten habe. Ganz im Gegenteil. Begegnung, Austausch und spontane Gespräche sind wichtige Bestandteile einer lebendigen Unternehmenskultur.

Aber der Kickertisch war für mich nie die universelle Antwort.

Er war laut. Er traf nicht den Geschmack aller Mitarbeitenden. Und in vielen Unternehmen beobachtete man immer denselben Verlauf: Anfangs stand er prominent im Mittelpunkt, später wanderte er in einen Nebenraum und irgendwann in einen Keller oder ein separates Büro. Der Kreis derjenigen, die ihn tatsächlich nutzten, wurde immer kleiner.

Das eigentliche Problem lag jedoch nicht im Möbelstück selbst.

Der Fehler bestand darin zu glauben, dass einzelne Symbole automatisch eine moderne Arbeitskultur schaffen.

Ein Obstkorb ersetzt keine Wertschätzung.

Ein Sitzsack ersetzt keine gute Führung.

Und ein Kickertisch schafft noch keine Vertrauenskultur.

 

Warum Räume trotzdem wichtig sind

Gleichzeitig wäre es falsch zu behaupten, Arbeitsumgebungen seien unwichtig.

Im Gegenteil.

Menschen verbringen einen erheblichen Teil ihres Lebens am Arbeitsplatz. Räume beeinflussen Konzentration, Gesundheit, Wohlbefinden, Kreativität, Kommunikation und Zusammenarbeit.

Gute Bürogestaltung ist deshalb weit mehr als Dekoration.

Möbel, Raumkonzepte, Licht, Akustik und Atmosphäre prägen die tägliche Arbeitserfahrung. Sie können Begegnungen fördern, Rückzug ermöglichen, Kreativität unterstützen oder konzentriertes Arbeiten erleichtern.

Der Fehler lag also nie darin, Arbeitsumgebungen attraktiver zu gestalten.

Der Fehler lag darin, Ausstattung mit Kultur zu verwechseln.

Die hochwertigste Einrichtung kann fehlendes Vertrauen nicht kompensieren. Genauso wenig kann ein Kickertisch die Antwort auf Führungsprobleme sein.

Ihre wahre Wirkung entfalten Räume erst dann, wenn sie Teil eines durchdachten Gesamtkonzepts sind.

Dann unterstützen sie die Unternehmenskultur, anstatt sie ersetzen zu sollen.

 

New Work ist erwachsen geworden

Heute diskutieren wir andere Themen.

Wir sprechen über Employee Experience, hybride Zusammenarbeit, aktivitätsbasierte Arbeitswelten, Smart Offices, künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Resimercial Design und die Frage, wie Arbeitsplätze die unterschiedlichen Bedürfnisse von Menschen bestmöglich unterstützen können.

Dabei rückt immer stärker die Erkenntnis in den Mittelpunkt, dass es nicht die eine perfekte Lösung für alle gibt.

Menschen arbeiten unterschiedlich.

Die einen suchen Austausch und Dynamik. Die anderen benötigen Ruhe und Konzentration. Manche arbeiten gerne vor Ort, andere hybrid oder mobil.

Der Arbeitsplatz der Zukunft zeichnet sich deshalb nicht dadurch aus, dass alle dieselben Angebote nutzen.

Sondern dadurch, dass Menschen die Möglichkeit haben, die Umgebung zu wählen, die sie für ihre Aufgaben benötigen.

Das ist für mich der eigentliche Fortschritt von New Work.

 

Und dann war er plötzlich verschwunden

Am nächsten Tag führte mich mein Weg erneut an derselben Stelle vorbei.

Der alte Kickertisch war weg.

Jemand hatte ihn mitgenommen.

Das brachte mich zum Schmunzeln.

Vielleicht sah jemand in ihm noch Potenzial. Vielleicht bekommt er ein zweites Leben in einer Garage, einem Vereinsheim oder einem Hobbyraum. Vielleicht wird er repariert und bringt bald wieder Menschen zusammen.

Und irgendwie passt das auch zu New Work.

Gute Ideen verschwinden nicht einfach. Sie entwickeln sich weiter.

Der Kickertisch war vielleicht nie die Lösung. Aber er war ein Symbol für eine Zeit, in der Unternehmen begannen, über Arbeit neu nachzudenken.

Heute wissen wir, dass moderne Arbeitswelten mehr brauchen als sichtbare Symbole. Sie brauchen gute Führung, Vertrauen, Flexibilität, sinnvolle Technologien und Räume, die Menschen unterstützen.

Der Kickertisch mag verschwunden sein.

Die Frage, wie wir besser arbeiten wollen, bleibt.

Und sie ist aktueller denn je.

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