Wenn von den wichtigsten Veranstaltungen der Designbranche gesprochen wird, fällt meist zuerst Mailand. Doch in den vergangenen Jahren hat sich mit den 3 Days of Design in Kopenhagen ein Event etabliert, das längst weit mehr ist als ein Geheimtipp der skandinavischen Designszene.
Während Mailand vor allem von Größe, Inszenierung und internationaler Strahlkraft lebt, überzeugt Kopenhagen durch Nähe, Austausch und die Möglichkeit, Design dort zu erleben, wo es entsteht und genutzt wird. Unfassbarer. Die gesamte Stadt wird zur Ausstellungsfläche. Showrooms, historische Gebäude, Ateliers und temporäre Installationen bilden ein dezentrales Messegelände, das Besucher quer durch die dänische Hauptstadt führt.
Genau das machte meinen Besuch in diesem Jahr besonders intensiv.
Eine Messe ohne Messehallen
Mein Kalender war für die drei Tage dicht gefüllt. Gespräche mit Herstellern wie Montana, HAY, Louis Poulsen, Vitra und Haworth standen ebenso auf dem Programm wie zahlreiche Besuche weiterer Ausstellungen und Präsentationen.
Dabei ging es nicht darum, möglichst viele Neuheiten abzuhaken. Viel spannender war die Frage, welche Themen die Branche aktuell wirklich bewegen.
In nahezu allen Gesprächen zeigte sich ein gemeinsamer Nenner: Die Zeit kurzfristiger Trends scheint zunehmend von einem Fokus auf langfristige Qualität, Flexibilität und Relevanz abgelöst zu werden.
Viele Hersteller beschäftigen sich intensiv mit langlebigen Produkten, modularen Konzepten und Lösungen, die sich an veränderte Lebens- und Arbeitswelten anpassen können. Gleichzeitig gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Räume gestaltet werden müssen, um Identität, Wohlbefinden und Zusammenarbeit gleichermaßen zu fördern.
Weniger Lautstärke, mehr Substanz
Besonders auffällig war, dass viele der spannendsten Entwicklungen nicht durch spektakuläre Neuheiten entstanden, sondern durch intelligente Weiterentwicklungen bestehender Konzepte.
Die Branche wirkt insgesamt reifer. Statt jedes Jahr nach dem nächsten großen Trend zu suchen, rücken Qualität, Materialität und Beständigkeit stärker in den Mittelpunkt.
Auch die Grenzen zwischen Wohn- und Arbeitswelten verschwimmen zunehmend. Hersteller denken Räume heute ganzheitlicher als noch vor wenigen Jahren. Licht, Akustik, Möbel und Architektur werden immer häufiger als zusammenhängendes Erlebnis betrachtet.
Für Unternehmen bedeutet das eine wichtige Erkenntnis: Gute Gestaltung ist längst kein Selbstzweck mehr. Sie wird zunehmend als strategischer Faktor verstanden – für Produktivität, Markenidentität und Nutzererlebnis.
Mit dem Fahrrad durch die Designhauptstadt
Wer die 3 Days of Design besucht, verbringt überraschend wenig Zeit an einem Ort.
Da die Ausstellungen über die gesamte Stadt verteilt sind, entschied ich mich, sämtliche Wege mit einem “appgesteuerten” Leihfahrrad zurückzulegen. Für die meisten Kopenhagener wahrscheinlich der normalste Teil des Tages. Für mich eher ein Schritt außerhalb der Komfortzone.
Zwischen den einzelnen Terminen kamen einige Kilometer zusammen. Hinzu kamen voller Straßenverkehr, unbekannte Wege und ein enger Zeitplan.
Am Abend war ich entsprechend erschöpft.
Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie viel Energie in dieser Form der Fortbewegung steckt. Die Fahrten zwischen den Showrooms wurden zu kleinen Denkpausen zwischen den Gesprächen. Ideen konnten sich setzen, Beobachtungen wurden reflektiert und neue Gedanken entstanden oft genau auf dem Weg zum nächsten Termin. Außerdem ist die Perspektive auf die Stadt vom Fahrrad eine ganz andere.
Manchmal liegen die produktivsten Momente eben nicht im Meetingraum, sondern zwischen zwei Meetings.
Kopenhagen nach den Terminen
Nach den offiziellen Programmpunkten habe ich immer bewusst auch auf die Schönheiten der Stadt geschaut: das viele Wasser, die super stylischen modernen Gebäude und die pulsierende Dynamik der Menschen.
Erst dann wurde deutlich, warum die Veranstaltung so gut zu Kopenhagen passt.
Design ist hier nicht auf Ausstellungen beschränkt. Es zeigt sich in der Architektur, in öffentlichen Räumen, in der Mobilität und in vielen kleinen Details des Alltags. Die Stadt wirkt durchdacht, funktional und gleichzeitig angenehm unaufgeregt.
Während der Messetage nimmt man vieles davon nur im Vorbeifahren wahr. Mit etwas Abstand entsteht jedoch ein vollständigeres Bild: Die Stadt selbst verkörpert viele der Werte, über die auf der Veranstaltung gesprochen wird – Nachhaltigkeit, Lebensqualität, Funktionalität und ein menschenzentrierter Ansatz bei der Gestaltung von Räumen.
Mein Fazit
Die 3 Days of Design haben einmal mehr gezeigt, wie wichtig persönliche Begegnungen für unsere Branche sind.
Produkte lassen sich digital präsentieren. Gespräche lassen sich digital führen. Wirkliches Verständnis entsteht jedoch meist erst vor Ort – durch direkte Begegnungen, spontane Diskussionen und das Erleben von Materialien, Räumen und Atmosphären.
Ich nehme aus Kopenhagen nicht nur neue Kontakte und interessante Marktimpulse mit, sondern auch die Bestätigung, dass die besten Erkenntnisse häufig dort entstehen, wo Neugier, Bewegung und persönlicher Austausch zusammenkommen.
Und manchmal eben auch auf dem Fahrradweg zum nächsten Termin. Im nächsten Jahr muss ich auf jeden Fall drei Tage hin!
