digital diary by Susanne Busshart
Design, NewWork Evolution, Salone del Mobile Milano 2026

Zwischen Vision und Wirklichkeit – was Mailand und Karlsruhe über die Zukunft der Arbeitswelt erzählen

Gestern Mailand. Heute Karlsruhe.

Zwei Tage, zwei Messen, zwei sehr unterschiedliche Perspektiven auf das, was wir aktuell unter Arbeitswelt verstehen. Und selten war ein Vergleich so aufschlussreich.

Beim Salone del Mobile 2026 zeigt sich die Zukunft als Erlebnis. Die Hallen sind voll, die Stadt vibriert, und an jeder Ecke entstehen Räume, die mehr sind als nur Gestaltung – sie sind Haltung. Arbeitswelten werden hier nicht erklärt, sondern inszeniert. Man spürt, wie sich Arbeit verändert, weil man sich selbst in diesen Räumen anders wahrnimmt.

Nur einen Tag später, auf der New Work Evolution 2026 in Karlsruhe, wirkt alles ruhiger, fokussierter, strukturierter. Die Themen sind klar gesetzt: Künstliche Intelligenz, Führung, Unternehmenskultur, Transformation. Viele gute Gespräche, viele kluge Gedanken, viel Substanz.

Und genau in diesem Spannungsfeld liegt eine spannende Erkenntnis.

 

Zwei Perspektiven auf dieselbe Zukunft

Was beide Veranstaltungen verbindet, ist das Ziel: die Arbeitswelt neu zu denken. Doch der Weg dorthin unterscheidet sich deutlich.

In Mailand wird Zukunft gestaltet.

In Karlsruhe wird sie eingeordnet.

Beides ist notwendig. Denn ohne strategisches Verständnis bleibt Gestaltung oberflächlich. Ohne räumliche Übersetzung bleibt Strategie abstrakt.

Die Herausforderung unserer Zeit liegt genau darin, beides zusammenzubringen.

 

Wenn Ideen auf Räume treffen

Was in Mailand besonders auffällt, ist die Konsequenz, mit der Ideen in Räume übersetzt werden. Arbeitsumgebungen werden dort nicht als funktionale Flächen gedacht, sondern als emotionale Systeme. Materialien, Licht, Akustik und Struktur greifen ineinander und erzeugen Zustände: Fokus, Offenheit, Rückzug, Energie.

In Karlsruhe hingegen steht stärker die inhaltliche Ebene im Vordergrund. Es geht um die richtigen Fragen: Wie verändert KI unsere Arbeit? Welche Rolle spielt Führung? Wie entwickeln sich Unternehmenskulturen weiter?

Doch genau hier entsteht ein Spannungsfeld. Denn viele dieser Themen bleiben – zumindest bislang – schwer greifbar, solange sie nicht in konkrete räumliche Erlebnisse übersetzt werden.

 

Neurodiversität als Beispiel für den nächsten Schritt

Ein Thema, das auf beiden Veranstaltungen präsent ist, ist Neurodiversität. Es wird diskutiert, eingeordnet und zunehmend als relevanter Bestandteil moderner Arbeitswelten verstanden.

Und doch zeigt sich auch hier der Unterschied:

Während in Mailand erste Ansätze sichtbar werden, wie unterschiedliche Wahrnehmungen räumlich berücksichtigt werden können – durch Licht, Akustik oder klare Strukturen –, bleibt das Thema in Karlsruhe häufig noch auf der konzeptionellen Ebene.

Dabei liegt gerade hier ein enormes Potenzial. Denn Arbeitsumgebungen, die auf unterschiedliche kognitive Bedürfnisse eingehen, wirken weit über das individuelle Wohlbefinden hinaus. Sie beeinflussen Zusammenarbeit, Entscheidungsqualität und letztlich auch wirtschaftlichen Erfolg.

Der Return on Investment solcher Ansätze wird erheblich sein – nicht kurzfristig sichtbar, aber langfristig wirksam.

 

Ein Markt im Spannungsfeld

Diese Beobachtungen finden vor einem interessanten wirtschaftlichen Hintergrund statt. Während sich die Branche international insgesamt stabil zeigt, ist in Deutschland und Teilen Europas eine spürbare Zurückhaltung erkennbar. Gerade die Möbelindustrie verzeichnet aktuell Rückgänge, teilweise im zweistelligen Bereich.

Das wirft eine berechtigte Frage auf:

Liegt hierin auch eine Chance zur Neuausrichtung?

Vielleicht ist genau jetzt der Moment, in dem es nicht mehr ausreicht, über neue Arbeitsformen zu sprechen. Sondern in dem es darum geht, diese konsequent erlebbar zu machen.

 

Vom Arbeitsplatz zum Wirkungsraum

Was sich aus beiden Tagen mitnehmen lässt, ist eine klare Entwicklung: Der klassische Arbeitsplatz verliert an Bedeutung. An seine Stelle tritt der Raum als Wirkungsfaktor.

Arbeitswelten werden zu Systemen, die Verhalten beeinflussen, Interaktion steuern und emotionale Zustände prägen. Möbel sind dabei nicht mehr das Zentrum, sondern Teil eines größeren Ganzen.

Diese Perspektive verändert nicht nur Design, sondern auch die Art, wie wir über Arbeit sprechen.

 

Fazit: Die Zukunft entsteht dazwischen

Der Vergleich zwischen Mailand und Karlsruhe ist kein Gegensatz im klassischen Sinne. Er zeigt vielmehr zwei notwendige Seiten derselben Entwicklung.

Die eine macht sichtbar, was möglich ist.

Die andere erklärt, warum es relevant ist.

Die eigentliche Zukunft der Arbeitswelt entsteht dort, wo beides zusammenkommt:

wo strategisches Denken auf räumliche Umsetzung trifft.

wo Konzepte nicht nur verstanden, sondern erlebt werden.

Oder anders gesagt:

Wir müssen aufhören, Arbeitswelten nur zu beschreiben.

Und anfangen, sie spürbar zu machen.

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